Dienstag, 12. August 2014

Ein Stück Thüringen

„ ... Thüringen Thüringen Thüringen
ist eines von den schwierigen Bundesländern,
denn es kennt ja keiner außerhalb von Thüringen.
Im Thüringer Wald, da essen sie noch Hunde
nach altem Rezept zur winterkalten Stunde,
denn der Weg zum nächsten Konsum ist so weit
zur Winterszeit, zur Winterszeit …“

Im Gegensatz zu Rainald Grebe (s. Auszug seines Thüringen-Liedes) hatte ich mich bis zu einem spontanen Ausflug noch nie zuvor mit Thüringen beschäftigt. Zuallererst fielen mir Thüringer Rostbratwürste ein. Die Vorstellung allerdings, wie viele fleischverarbeitende Betriebe (ggf. mit Hundeschlachtanlage) in diesem Bundesland existieren müssen, um alle Welt mit Würsten zu beglücken, ist nicht sehr schön. Wie ich nun aber weiß, müssen Thüringer Roster-Schweine gar nicht aus der Region stammen. Die typische Gewürzmischung ist namensgebend und original thüringisch. So viel dazu.

Was gibt es noch? Fiktive mittelalterliche Dichterwettstreite auf der Wartburg, Weimarer Klassik und Jena – das Zentrum der Romantik? Schlimme Erinnerungen an die Einführungsveranstaltungen der Germanistik! Irgendetwas muss dieses Bundesland jedoch besonders machen. Nicht umsonst zieht es immer wieder Kunstschaffende an.

Die Suche nach diesem „Besonderen“ begann in Weimar. Abgesehen von der ständigen Konfrontation mit Herrn Goethe und Herrn Schiller (Plätze, Cafés, Statuen, Schillerlocken und Goethe mit Decke), was irgendwann wirklich nervt, gibt es in Weimar so einiges zu entdecken. Am besten ist, dass alles abgelaufen werden kann. Guter Ausgangspunkt dafür ist der Hauptbahnhof. Die Besucher können sich an der schicken Architektur (z.B. Stadtschloss, Nationaltheater, Fakultäten der Bauhaus-Universität) erfreuen, durch die kleinen Gässchen oder den Ilmpark schlendern und dabei die ehemaligen Wohnhäuser Goethes, Schillers und Liszts passieren. Wer keine Lust hat, die Bleibe längst verstorbener Persönlichkeiten zu besichtigen, dem sei das Bauhaus-Museum ans Herz gelegt, um einen anderen wichtigen Aspekt Weimars kennenzulernen – die Bauhaus-Tradition. Dort bekommt man alle wichtigen Infos zum Staatlichen Bauhaus sowie Exponate u.a. von Gropius, Feininger oder Klee präsentiert. Alles in allem wirkt Weimar sehr lebendig, modern und vor allem authentisch. Eine Stadt, die es schafft, alt und neu stilvoll zu verknüpfen. Durch die Bauhaus-Universität und die Musikhochschule ist Weimar reich beschenkt mit bunten und kreativen Köpfen, die das Stadtbild nach und nach vom abgeschmackten Goethe-Image befreien. Momentan gibt es zum Beispiel ein winziges Pop-up-Restaurant namens „Lücke“ in Weimar, welches von Bauhaus-Studenten komplett selbst gestaltet wurde. Seht selbst Ein einzigartiges Projekt!



Literatur, Design, Architektur, Musik, das alles kommt nicht zu kurz bei einem Besuch dieser Stadt. Doch bei aller Schöngeistigkeit sollte man die dunkle Seite der deutschen Geschichte nicht außer Acht lassen. Die Buslinie 6 ab Goetheplatz führt den Besucher an einen Ort, an dem selbst bei Sonnenschein beißende Kälte herrscht. Dazu muss man jedoch erst einmal den richtigen Bus erwischen. Die Buslinie 6 fährt im Wechsel zum Schloss Ettersburg und zur Gedenkstätte Buchenwald. Hat man den falschen Bus erwischt, ist das nicht schlimm. Das stattliche Schloss ist nett anzuschauen und von dort aus kann man gut zum damaligen Konzentrationslager Buchenwald laufen. Eine „Wanderung“, um sich mental auf die Gedenkstätte vorzubereiten. Die heutige Weitläufigkeit des Geländes, die drückende Stille, die alten Gebäudekomplexe schnüren einem die Kehle zu. Es bedarf nicht mehr Worte, denn das vor Ort herrschende, beklemmende Gefühl, welches jeden auch nur halbwegs empathischen Menschen sofort befällt, kann kaum beschrieben werden. Der Eintritt ist frei. Die Fahrt von Buchenwald zurück nach Weimar dauert in etwa 20 Minuten. Am Hauptbahnhof kann bequem das Fortbewegungsmittel gewechselt werden, um noch einen weiteren interessanten Ort Thüringens – nämlich Jena – kennenzulernen. Innerhalb weniger Minuten ist man schon da.

Jenas Stadtbild ist etwas weniger umwerfend, aber auch hier hat sich eine junge kreative Szene entwickelt, die die Stadt aufleben lässt. Allein so viel Streetart wie in den Straßen dieser Universitätsstadt (größte Uni in Thüringen) habe ich lange nicht gesichtet. Schön! Die Inszenierungen des Theaterhauses Jena überzeugen. Auch ein 3 € teurer Blick vom Jentower empfiehlt sich! Natürlich lässt sich auch noch in dieser Stadt der Name Goethe vermarkten. So existiert zum Beispiel die Goethe-Galerie auf der Goethestraße. Furchtbar.

Ich weiß nicht, was Erfurt, Eisenach, Gera, Nordhausen etc. noch so zu bieten haben. Und ob sie im Thüringer Wald tatsächlich Hunde essen, konnte ich bisher auch nicht herausfinden. Gründe genug, um irgendwann noch einmal zurückzukommen nach Thüringen Thüringen Thüringen...

Weimar Gerberstraße
Weimar Gerberstraße 3
Weimar, Brücke über die Ilm
Weimar, am Stadtschloss
Goethe und Schiller vor dem Nationaltheater Weimar
Weimar
Landschaft um den Ettersberg
Gedenkstätte Buchenwald
Gedenkstätte Buchenwald
Gedenkstätte Buchenwald
Gedenkstätte Buchenwald
Jena, Theaterhaus Jena 
Jena Streetart

Blick vom Theater zum Jentower

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