Das ist nicht schwer als Dresdnerin. Ich bin beteiligt. Ich bin mittendrin durch weitläufige Einschränkungen im Straßenverkehr, durch mehr und mehr unangenehme Meldungen in der Presse oder den sozialen Netzwerken und – das lässt sich bei solch einer großen Menge an Demonstranten nicht vermeiden – weil ich Menschen auf beiden Seiten kenne. Menschen, die sich fast jeden Montag geplanten Demonstrationen und Kundgebungen von PEGIDA oder Dresden Nazifrei bzw. Dresden für alle anschließen. Zugehörig fühle ich mich zu 100% dem PEGIDA-Widerstand, dem ich gerne beiwohne, denn er tritt u.a. für Toleranz, Menschlichkeit und Antirassismus ein.
Doch ich habe das Gefühl, dass es nicht reicht, sich montags den „Richtigen“ anzuschließen. Es reicht nicht, weil sich zwei Lager gegenüberstehen, die sich nicht zuhören, die einander nicht verstehen. Die einen schreien „Wir sind das Volk!“, die anderen „Rassismus raus aus den Köpfen!“ Wenige der PEGIDAs halten sich jedoch für Nazis. Was wollen die Gegendemonstranten also von mir, fragen sie sich? Beide wollen Zeichen setzen, doch sie schreien gegen eine Mauer. Und diese Mauer wird mit jedem Montag in Dresden wachsen und wir werden sie im Alltag, jenseits der polizeibewachten Demonstrationen, spüren. Denn für wen mache ich lieber Platz in der Straßenbahn? Wen lasse ich gerne an der Kasse vor? Eher einen Gleichgesinnten, oder nicht? An den Montagabenden fahren die Straßenbahnen und Busse Demonstranten beider Gruppen nach Hause. Dass diese sich mit Groll begegnen, sollte eigentlich nicht passieren, doch es kommt bereits vor. Sobald sich die Ordner und Polizisten entfernen, wirft man sich verächtliche Blicke zu, vereinzelt wird geschimpft und böse gehetzt, weil die zurückliegende Demo aufgewühlt hat. Die Emotionen kochen hoch. Man ist immer noch Teil einer großen Gruppe. Manchmal eskaliert es. Und beide Seiten provozieren. Beide. Aus Menschen, die eigentlich nur ihre Interessen vertreten wollen, werden Gegner.
Ich bin mehr als froh, dass jeden Montag in Dresden so viele Menschen zusammenkommen, um sich für die Aufnahme weiterer Flüchtlinge auszusprechen und um zu zeigen, dass sie jede Art von Ausländerfeindlichkeit ablehnen! Aber reicht das? Wird das PEGIDA besänftigen?
PEGIDA ist gefährlich komplex. Die Forderungen des Bündnis decken sich nicht unbedingt mit denen der Demonstranten, nicht alle stimmen allem zu, die Schlagwörter im Namen des Bündnisses sind längst nicht mehr die Hauptthemen für einige der vielen Mitdemonstranten. Die PEGIDA-Anhänger sind eine Gruppe, die heterogener und nuancenreicher nicht sein könnte. Man geht zum Beispiel auch auf die Straße gegen die sog. „Lügenpresse“, gegen die Rundfunk-und Fernsehgebühr, für höhere Renten, gegen Gewalt, für soziale Projekte, für politische Transparenz. Klingt gar nicht so schlimm, oder?
Es scheint, als gäbe es mittlerweile PEGIDA als das mehr als rechts angehauchte Bündnis mit dem schlimmen patriotischen Namen und PEGIDA als Sammelsurium verschiedener Menschen, die sich Montag für Montag treffen, weil sie eines verbindet: Wut. Wut, die aus den unterschiedlichsten Bereichen herrührt. Zusammen kann man diese Wut endlich mal herauslassen, denn wir sind das Volk, wir gehen alle zusammen. Hier muss ich mich nicht schämen, denn den anderen geht’s genauso. Verbündete wurden gesucht und gefunden.
Alarmierend ist, dass an sich berechtigte Forderungen, z.B. nach Rentenerhöhungen, in Verbindung mit der Einwanderung von Flüchtlingen oder anderen asylsuchenden Ausländern gebracht werden – nach dem Motto: Meine Rente wird gekürzt, weil sozialschmarotzende Fremde mir das Geld wegnehmen. Hier werden falsche Schlüsse gezogen, es wird sich auf schlechte Quellen berufen, Ursachen werden vertauscht. Wir sollten uns jedoch fragen, ob das vorsätzlich ist. Führt hier nicht einfach Unwissenheit zu Ausländerfeindlichkeit?
Eine Unwissenheit, die erschreckend ist, die aber behoben werden kann! Es besteht ganz eindeutig Aufklärungsbedarf! Den Demonstranten bei PEGIDA muss begreiflich gemacht werden, dass das eine nichts mit dem anderen zu tun hat. Es muss ihnen erklärt werden. Einfach und mit Nachdruck. Das wäre zum Beispiel eine Aufgabe für die Medien! Fernsehen, bitte zeig doch Projekte, in denen Integration funktioniert. Es gibt genügend! Es bringt überhaupt nichts, wenn PEGIDA in den Medien einseitig dargestellt wird und es bringt längerfristig noch weniger, wenn sich darüber lustig gemacht wird. Natürlich kann man sich köstlich über den PEGIDA-Beitrag in der Politsatire „Die Anstalt“ amüsieren, aber diese Art Humor – wozu auch das Bloßstellen der Demonstranten zählt, die sich, weil ihnen die nötige Bildung fehlt (wofür sie in den meisten Fällen nichts können! (siehe Baustelle Bildungssystem!)) zu falschen Annahmen verleiten lassen – macht doch eigentlich im Inneren betroffen und traurig.
Wir, die erkennen, dass die Menschen, die bei PEGIDA mitlaufen, lernfähig sind und verstehen können, dass ihre sozialen Nöte und Ängste nichts mit Ausländern, Flüchtlingen, „Multikulti“ oder Islamisierung zu tun haben (es muss ihnen von Mensch zu Mensch erklärt werden und nicht vom Masse zu Masse!), sollten an dieser Stelle nicht erstarren und nichts tun, oder lediglich gegen die PEGIDA demonstrieren, sondern wir sollten alle unsere Möglichkeiten ausschöpfen, den Menschen, die in unserem Umfeld leben, mit denen wir bei Facebook befreundet sind, die in die selbe Schule gehen oder im Nachbarhaus wohnen, freundlich gegenüberzutreten, sie spüren zu lassen, dass ihre Nöte verständlich sind und ihnen begreiflich zu machen, dass dafür kein Flüchtling aus Syrien, kein arbeitslos gewordener Türke und keine burkatragende Muslimin Schuld ist.
Wir müssen miteinander reden. Die Zeit schreit danach. Wir sind Menschen, wir verstehen einander, aber nur wenn wir uns austauschen und nicht zwei Lager bilden, die miteinander nichts zu tun haben wollen. Es bringt auf Dauer nichts, wenn wir uns im Pulk gegenüberstehen und uns Parolen an den Kopf werfen.
Nutzen wir – diejenigen, die verstanden haben, das PEGIDA seine Anhänger instrumentalisiert – unsere Fähigkeiten und gehen auf die Menschen zu, die sich von PEGIDA angezogen fühlen. Wir können als gutes Vorbild fungieren, ihnen zeigen, dass wir uns für Flüchtlinge einsetzen und sie willkommen heißen, sie spüren lassen, dass wir keine Angst vor Muslimen haben und „Multikulti“ eine wunderbare Sache ist. Wir müssen ihnen aber auch zeigen, dass wir für sie da sind, ihnen zuhören und sie nicht als dumm abstempeln. Mit erhobenem Zeigefinger sollten wir solch ein Gespräch natürlich nicht führen, aber stattfinden muss es in jedem Fall – bei einem Spaziergang, bei einer Tasse Tee, an der Supermarktkasse oder beim nächsten Dynamospiel. Überall dort, wo sich Menschen begegnen. Der Dialog wird uns helfen, einander wieder näherzukommen, denn hinter PEGIDA stecken ebenfalls Menschen, Menschen, die vielleicht durch negative Erfahrungen mit Ausländern/Migranten, Perspektivlosigkeit, drohende Armut oder Schicksalsschläge ihr Vertrauen verloren haben und denen Gehör geschenkt werden muss von den richtigen Mitmenschen und nicht von dieses kopflosen Rednern der PEGIDA.
Heute wurden bei PEGIDA Weihnachtslieder gesungen. Für Dresden hätte ich mir gewünscht, dass alle gemeinsam ein paar Lieder singen. Alle wie sie da stehen, egal auf welcher Seite, ob Polizist, Ordner, Redner, Kind oder Großvater. Denn am Ende verbindet uns doch vor allem in dieser Zeit das Menschsein und der Wunsch, die besinnliche Weihnachtszeit zu erleben.
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